Kryonik – Die 10 verbreitetsten Mythen

10mythen

Übersetzung aus dem Englischen von Dennis Mühlfort für die DGAB, mit freundlicher Genehmigung des Cryonics Institute (CI). Alle hier vertretenen Ansichten stimmen nicht zwangsläufig mit denen der DGAB überein. In erster Linie soll dieser Text dem deutschsprachigen Leser eine Hilfestellung geben, sich über Themen der Kryonik besser zu informieren.

Verbreitete Kryonik-Mythen
In den späten 1960er-Jahren gelangte das Konzept der Kryonik erstmalig in den öffentlichen Diskurs. Seitdem hat die Kryonik eine Menge Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Leider beruhte ein Großteil der Berichterstattung auf falschen Wahrnehmungen und Aussagen von „Experten“, die keinerlei Basiswissen im diesem Bereich aufwiesen.

1. Kryonik friert Menschen ein

Die gegenwärtig bevorzugte Technologie von Kryonikern ist die Vitrifikation, nicht das Einfrieren. Vitrifikation ist ein Prozess, bei dem mehr als 60% des Wassers in den Zellen durch eine zellschützende Chemikalie ersetzt wird. Diese verhindert gänzlich Gefriervorgänge im Körper während der Körperabkühlung. Da der Körper langsam und beständig abgekühlt wird anstatt direkt tiefgefroren, bewegen sich die Moleküle sukzessive langsamer, bis alle chemischen Vorgänge bei der Glasübergangstemperatur zum Erliegen kommen (bei etwa – 124°C). Im Gegensatz zum Einfrieren gibt es keine Eisbildung oder Schäden im vitrifizierten Gewebe, die durch Eiskristallbildung verursacht werden würden. Blutgefäße wurden bereits aus der Vitrifikation wieder in ihren Ursprungszustand zurückgeführt. Zudem wurde eine Niere erfolgreich transplantiert, die unbeschadet die Vitrifikation bei ca. -135°C überstand.

2. Kryonik konserviert tote Menschen

Der Zweck von Kryonik ist es, das Leben lebender Menschen zu retten, nicht Tote einzulagern. Der kryonische Ablauf beginnt, nachdem der gesetzliche Tod festgestellt wurde. Doch der biologische Tod des Gehirns und des Körpers ist ein Vorgang, der nach dem Herzstillstand beginnt. In Zeiten der Intensivpflege jedoch ist der Tod mehr ein Prozess als ein plötzlich eintretendes Ereignis. Eine Vorhersage des einsetzenden Todes kann nicht als Diagnose dienen.

Der Zweck der Kryonik ist es, den Sterbeprozess schnell genug zu unterbrechen und zu stoppen, sodass er in der Zukunft wieder reversibel ist. Unterstützer der Kryonik denken, dass niemand wirklich tot ist bis der Informationsgehalt im Gehirn erloschen ist und dass niedrige Temperaturen diesen Verlust verhindern können.

3. Experten sagen, dass Kryonik nicht funktionieren kann

Tatsächlich verfügen nur sehr wenige Menschen über ausreichend Expertise, die Kryonik wirklich beurteilen zu können. Beispielsweise wissen nur wenige Wissenschaftler, was Vitrifikation überhaupt ist. Noch weniger wissen, dass Vitrifikation die Zellstruktur ganzer Organe oder Gehirne erhalten kann. Der ganz normale Hausarzt weiß gewiss wenig bis nichts über die wissenschaftlichen Grundlagen der Kryonik. Und sogenannte „Experten“ können die zukünftigen technologischen Fortschritte auch nicht besser vorhersagen. Führende  „Experten“ ihrer Zeit sagten voraus, dass keine Objekte, die schwerer als Luft sind, fliegen können werden. Auch der weitverbreitete Gebrauch von Computern wurde als unrealistisch abgetan.

Die Situation ist vergleichbar mit der Entwicklung der Raumfahrt vor dem 2. Weltkrieg. In jener Zeit beharrten die Luftfahrt-Experten hartnäckig darauf, dass Raumfahrt unmöglich sei. Nur Robert Goddard und ein paar deutsche Raketenwissenschaftler wussten, dass mehrstufige Raketen der Erdgravitation entkommen können. Wie so oft können am besten diejenigen die Entwicklung eines Themenbereiches abgeben, in dem sie selbst Experten sind. Und nie hat ein tatsächlich qualifizierter Experte je gesagt, dass Kryonik nicht funktionieren kann.

4. In der Kryonik werden Köpfe präserviert

CI hat kein Interesse daran, Köpfe zu präservieren. CI präserviert Menschen. CI denkt, dass so viele Informationen bzw. soviel vom Patienten wie möglich erhalten bleiben sollen. Auch wenn CI keine Präservierung des Kopfes allein anbietet, bietet es die attraktivsten Preise in der Kryonik. Denn unsere Ganzkörper-Präservierung kostet bedeutend weniger als die ausschließliche Präservierung des Kopfes anderer Unternehmen oder Institue in diesem Bereich.

5. Ehrenwerte Wissenschaftler und Ärzte unterstützen die Kryonik nicht

Mehr als 60 Wissenschaftler und Ethiker haben einen offenen Brief eines Wissenschaftlers unterschrieben, der die wissenschaftlichen Grundlagen der Kryonik bestätigt. CI hat zudem angesehene Wissenschaftler und Ärzte als Mitglieder sowie wissenschaftliche und medizinische Beiräte. Dazu gehören auch Mitglieder, die bereits vor dem U.S.-Kongress ausgesagt haben (kein Kryonikbezug). Ebenso gehört ein Mitglied der U.S. National Academy of Science zu CI.  Bei Zeugenaussagen vor Gericht haben Wissenschaftler Erklärungen abgegeben, in denen sie sich für die  Kryonik aussprachen.

Die meisten Kryobiologen sprechen sich allerdings nicht öffentlich für die Kryonik aus. Teilweise ist dem so, weil aufsehenerregende Veröffentlichungen rund um die Kryonik dazu tendieren, Errungenschaften der Kryobiologie hinsichtlich medialer Aufmerksamkeit den Rang abzulaufen. Dazu gehören Bereiche wie Reproduktionsbiologie, Konservierung von Organen und Krebsbehandlung.  Andererseits übersehen Kryobiologen Daten und Argumente, die für die Kryonik sprechen. Die Geschichte der Politisierung von Kryonik unter Kryobiologen wurde dokumentiert in dem Artikel „COLD WAR: The Conflict Between Cryonicists and Cryobiologists“.

Die derzeit bevorzugte Technologie ist übrigens die Vitrifikation, nicht das Einfrieren. Die Vitrifikation ist ein Prozess, bei dem mehr als 60% des Wassers in den Zellen durch eine schützende chemische Lösung ersetzt wird. Dies verhindert das Gefrieren während des Abkühlens. So wird erreicht, dass Moleküle sich sukzessive langsamer bewegen bis jegliche chemische Aktivität aufhört, sobald die Glasübergangstemperatur (-124°C) erreicht ist. Im Gegensatz zum Einfrieren entstehen keine Gewebeschäden durch Eiskristalle im vitrifiziertem Gewebe. Blutgefäße wurden bereits wieder aus dem Status der Vitrifikation zurückgeführt und auch eine komplette Niere wurde wieder hergestellt und erfolgreich transplantiert. Die Langzeitlebensdauer der Niere wurde erreicht durch die Vitrifizierung bei -135°C.

6. Kryonik und Religion beißen sich

Das Ziel der Kryonik ist das Überwinden ernstzunehmender Krankheiten durch das Erhalten und Beschützen von Leben. Aus diesem Grund ist die Kryonik auf einer Linie mit den lebensbejahenden Prinzipien der Medizin, aber auch der Religion. Opfer von Unterkühlung wurden nach mehr als einer Stunde ohne Atmung, Herzschlag oder Hirnaktivität wiederbelebt. Künstliche Hypothermie wird manchmal benutzt, um Patienten für längere Zeiträume während einer Operation am Gehirn “ abzuschalten“, wenn der Herzschlag gestoppt werden muss. Menschliche Embryonen werden regelmäßig kryopräserviert und wiederbelebt. Sollte Kryonik funktionieren, dann funktioniert sie, weil dahinter der grundlegend gleiche Mechanismus steckt wie bei anderen Formen des Kälteschalfs, die man bereits in der Medizin kennt. Diese Zustände werden in den meisten modernen Religionen akzeptiert. Patienten in diesem Zustand werden als Komaptienten gesehen, nicht als Tote.

Kryonik-Patienten sind theoretisch dasselbe wie ein Patient in einem Krankenhaus, der nicht bei Bewusstsein ist und deren Krankheitsverlauf ungewiss ist. Bewegende Essays aus der katholischen und protestantischen Sicht sprechen sich für den Wert der Kryonik aus, auch unter moralischen Gesichtspunkten. Mitglieder diverser Ausprägungen des Christentums und weitere Religionsanhänger sind bereits Mitglieder des Cryonics Institute geworden. Für weitere Informationen lesen Sie bitte „Christianity and Cryonics“ sowie weitere Artikel über Religion und Kryonik. CI begrüßt Texte aller Religionen, die sich für die lebensbejahende Eigenschaft der Kryonik aussprechen.

7. Kryonik speist sich aus einer irrationalen Angst vor dem Tod

Zynisch gefragt: Wenn ein starker Wille zum Leben als ein Ausdruck von Feigheit gesehen wird, warum sollte man überhaupt schwerwiegende Krankheiten behandeln?
Interessanterweise waren beide Kryonikgründer, Robert Ettinger und Jerry Leaf, Veteranen im militärischen Kampf. Ein rationales Verlangen weiterzuleben ist nicht dasselbe wie eine irrationale Angst vor dem Tod. Um es mit den Worten des Biologen Peter Medawar zu sagen: „Es gibt keinen tiefer sitzenden biologischen Instinkt als das Festhalten am Leben. Im Kampf um das Leben liegt sowohl mehr Würde als auch mehr  Menschlichkeit als im passiven Loslassen unserer hart erarbeiteten und tief geschätzten Besitztümer.“

8. Kryonik ist nur etwas für Reiche

Gute Nachrichten: Das stimmt so nicht. Beim Cryonics Institue (CI) zum Beispiel kostet die Kryokonservierung (inklusive Vitrifikations-Perfusion und Langzeit-Lagerung) 28.000$ (ca. 24.500€). Dies ist eine einmalige Gebühr, die zum Zeitpunkt des (hoffentlich nur vorzeitigen) Todes eintritt. Auch wenn diese Gebühr bar bezahlt werden kann, wird dies oft anhand einer Lebensversicherung abgedeckt, die den Betrag zum Todeszeitpunkt an CI überweist. Das Kryonik-Standby-Team, das sich um das Herunterkühlen und die kardiopulmonale Anwendung bei Feststellung des Todes kümmert, kann u.U. durch eine bestimmte Art der Lebensversicherung abgedeckt werden.

– HINWEIS der DGAB: Wenn Sie mehr über die Möglichkeiten der Kostendeckung in Deutschland erfahren möchten, kontaktieren Sie uns gerne.

9. In der Kryonik bekommst du, was du bezahlst

Preise variieren deutlich. CI hat bei Weitem die angemessensten Preise aller Kryonik-Organisationen. Unser Verfahren ist sehr kostenbewusst, basieren aber auf Experimenten und professioneller Evaluierung. Unserer Meinung nach bietet es zudem die bestmögliche Chance auf Wiederbelebung.
Wir denken, dass zukünftige Mitglieder sich umschauen sollten. Preise anderer Organisationen können bis zu 200.000 $ oder mehr für Ganzkörper-Konservierung betragen und 80.000 $ für die „Neuro“ (nur der Kopf)-Option, die wir als unnötig und kostenintensiver als CI´s Ganzkörper-Konservierung erachten.
Hier finden Sie die Vorteile von CI im Vergleich zu anderen Kryonik-Organisationen.

10. Kryonik ist Betrug oder Abzocke

CI ist ein  Non-Profit-Institut, sodass öffentliche Einsicht in die Buchführung möglich ist. Einige Mitarbeiter engagieren sich ohne Entgelt. Es wird kein Geld mit Kryonik verdient – dies hat CI auch nicht vor. Im Vordergrund steht der Wunsch, die Chancen für die Wiederbelegungen von geliebten Menschen und sich selbst zu erhöhen.

Die Mission von CI ist es, die Patienten ungebrenzt lang im Kälteschlaf verweilen zu lassen, bis die Wissenschaft einen Weg gefunden hat, sie wiederzubeleben. Die Mission ist nicht das Anhäufen von Geld. Unsere Mitglieder und Patienten (inklusive Robert Ettinger, dem Vater der Kryonik sowie Familienangehörige von ihm) glauben, dass dies gelingen kann und die Chance auf ein zweites Leben besteht. Gleichwohl bietet die Wissenschaft derzeit diese Möglichkeit nicht, weshalb es zu Anschuldigungen kommt, dass Kryonik nur Abzocke und Betrug ist. Andererseits profitiert niemand von CI vom CI-Institut oder den Beiträgen der Mitglieder. Wir haben lediglich zwei Vollzeit-Angestellte. Die weiteren Direktoren und das Management leisten Ihre professionelle Arbeit auf strikt freiwilliger Basis. Das zur Verügung stehende Geld wird genutzt, um alle Abläufe und die Lagerung unserer Patienten kontinuierlich aufrecht zu erhalten, bis sie erfolgreich zurückgeholt werden können. Ein Großteil des Geldes wird für flüssigen Stickstoff ausgegeben, der regelmäß nachgefüllt werden muss. Zusätzlich minimieren wir unsere Ausgaben auf das Nötigste , um unserern Mitgliedern eine Kryostase zum bestmöglichen Preis anbieten zu können und alle notwendigen Leistungen so lange wie möglich aufrecht erhalten zu können…bis eine Wiederbelebung möglich sein wird.

Was die Wiederbelebung angeht wissen unsere Mitglieder und Patienten, dass es keine absolute Garantie oder eindeutigen Beweis für den Erfolg gibt – bisher. Aber dies ist, worauf wir alle zählen – nämlich dass die Wissenschaft letztendlich die Wiederbelebung ermöglicht und wir alle eine zweite Chance in unserem Leben erhalten.