Neuigkeiten und Berichte zu Alcor

Warum ich mit 29 Jahren einen Kryonikvertrag abschloss

Als Vorstandsvorsitzender der DGAB spreche ich viel über Kryonik – mit Freunden, mit Verwandten, mit Interessenten, die die DGAB zu diesem Thema kontaktieren. Immer wieder sind Menschen dabei, die die Logik hinter dem Verfahren verstehen, nämlich dass sämtliche Zersetzungsprozesse durch extreme Kälte gestoppt werden, in der Hoffnung, dass zukünftige Medizin an diesem Punkt einsetzen und eine erfolgreiche Wiederbelebung praktizieren kann. Aufgrund meines Biologiestudiums sind mir die zugrunde liegenden naturwissenschaftlichen Zusammenhänge klar, und ich erläutere sie auch immer wieder.  Was ich aber dann oft erlebe ist die Empfindung, man könne sich ja im Rentenalter mal mit dem Thema beschäftigen, weil man sich im Moment noch „zu jung dafür“ fühle. So ging es mir auch viele Jahre – warum sollte ich mich auch um etwas kümmern, was noch viele Jahre in der Zukunft lag?

Trotzdem habe ich mit 29 Jahren dann einen Kryonikvertrag abgeschlossen. Ich hatte einen Fallreport von einem Kryonikpatienten gelesen, der zum 86. Patienten des Cryonics Institute wurde. Zu diesem Zeitpunkt war der junge Mann 27 Jahre alt, und hatte aufgrund seines Studiums der Nanotechnologie eine vielversprechende Zukunft vor sich – bis ihn die Diagnose akute myeloische Leukämie wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf. Der Fallreport dokumentiert die Verzweiflung eines schwer erkrankten jungen Mannes, der die nötigen Vorbereitungen für die Kryonik aufgrund seiner Erkrankung nicht mehr vornehmen konnte, und nur dank der massiven Unterstützung von verständnisvollen Familienmitgliedern kryonisch versorgt werden konnte. Binnen gerade einmal 8 Monaten führte die Krankheit zum Tod, der junge Mann wurde dann erfolgreich beim Cryonics Institute kryokonserviert.

Zu diesem Zeitpunkt habe ich viel nachgedacht: was würde mir passieren, wenn ich eine ähnliche Diagnose bekäme? Wer in meinem Umfeld könnte sich dafür einsetzen, dass ich kryonisch versorgt werde? Wem würde ich das aufbürden? Damals war ich mitten im Studium und quasi mittellos, bekam den BAFöG-Höchstsatz – wie hätte ich Kryonik bezahlen können? Nach kurzer Recherche habe ich dann noch vor meinem 29. Geburtstag eine Risikolebensversicherung zugunsten des Cryonics Institute abgeschlossen und die wichtigsten Formalitäten geregelt. Ich habe seitdem das gute Gefühl, dass alles vorbereitet wäre und meine Liebsten sich zumindest mit den bürokratischen Hürden nicht weiter herumschlagen müssen. Der finanzielle Aspekt ist ebenfalls geregelt und kostet mich derzeit weniger als ein Kinobesuch: 10,67 Euro monatlich.

Nur wenige wählen diesen Weg, was für mich völlig unverständlich ist. Ständig gibt es Nachrichten, die mich nachdenklich machen. Innerhalb weniger Tage sind im Juli zwei Moderatorinnen gestorben: Jana Thiel mit 44 Jahren, Miriam Pielhau mit sogar nur 41 Jahren. Das ist näher an meinem jetzigen Alter als der Nanotechnologie-Student, wäre mir aber immer noch viel zu früh – zumal fast schon absehbar ist, dass Krankheiten wie Leukämie in Zukunft heilbar sein werden. Ich möchte im Falle einer solchen Krankheit eine reale zweite Chance bekommen, ein vollständiges und erfülltes Leben zu führen. Denken andere Mensch nicht so? Warum nicht? Ist es die Abneigung, sich pro-aktiv mit der eigenen Vergänglichkeit zu beschäftigen? Oder fehlt es an Informationen und Anleitungen? Letzteres nehmen wir seitens der DGAB gerade in Angriff – ich lade den Leser dieses Beitrags zu einer kostenlosen Basismitgliedschaft in der DGAB ein, um sich näher zu informieren.

Zu diesem Thema möchte ich Dir auch noch eine Denkaufgabe stellen, welche ich aus einem der besten englischen Kryonik-Artikel genommen habe, die ich kenne. Stelle Dir folgendes Szenario vor:

Es gab eine Explosion im Maschinenraum, dieses Flugzeug wird in 15 Minuten auf der Erde zerschellen. Es gibt keine Hoffnung den Absturz zu überleben. Allerdings gibt es einen potenziellen Ausweg: Das Flugzeug transportiert eine Ladung Fallschirme und jeder, der einen benutzen möchte, um aus dem Flugzeug zu fliehen, kann dies tun. Aber ich muss Sie warnen: Die Fallschirme sind Prototypen und wurden nie getestet. Es gibt keine Garantie, dass sie funktionieren.  Auch wissen wir nicht, welches Terrain sich unter uns befindet. Bitte stellen Sie sich im Gang an, wenn Sie einen Fallschirm haben möchten und die Stewardess reicht Ihnen einen, zeigt Ihnen wie er funktioniert und geleitet Sie zum Notausgang, wo Sie springen können. Diejenigen, die diese Option nicht wählen, bleiben bitte auf Ihren Plätzen sitzen – es wird schnell vorbei sein und Sie werden keine Schmerzen spüren.

Was würdest Du tun?

Beeindruckende Fortschritte in 2015

Ein Rückblick auf das Jahr 2015 hat mich kürzlich staunen lassen: entgegen dem oft gespürten Gefühl, dass der Fortschritt stagniert, gab es doch wieder eine ganze Reihe von Dingen, die aus dem Bereich der Science Fiction herausgekommen und Wirklichkeit geworden sind.

Am meisten bewegt hat mich die Geschichte der kleinen Matheryn Naovaratpong aus Thailand, welche mit ihren gerade einmal 2 Jahren die jüngste Person ist, die bislang kryokonserviert wurde. Ein unheilbarer Gehirntumor hat Matheryns Eltern dazu bewegt, diesen gerade auch in Thailand ungewöhnlichen Schritt zu gehen. Das Mädchen ist jetzt Alcors 134ster Patient. Erwähnenswert ist vor allem die rationale Herangehensweise der Eltern – der Vater erklärte gegenüber BBC aus Sicht der Eltern: „Als Wissenschaftler sind wir 100 Prozent sicher, dass Matheryns Reanimation eines Tages passieren wird – wir wissen nur noch nicht wann.“ Ich würde das auch als ein deutliches Zeichen deuten, dass Kryonik als Option eines „Krankentransport durch die Zeit“ sich immer mehr in Richtung Mainstream bewegt.

Auch sonst sind im medizinischen Bereich wieder viele Dinge erprobt und auch konkret angewendet worden, die das Leben von Menschen verändert haben – insbesondere das Leben von Menschen mit einem harten Schicksal. Hoffnung für Querschnittsgelähmte macht ein kybernetisches Implantat, eingesetzt von einem Team der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne, mit dessen Hilfe eine gelähmte Ratte wieder laufen konnte. Bemerkenswert ist auch ein Projekt der Stanford Universität, bei der zum ersten Mal künstliche Haut mit der Fähigkeit zu fühlen entwickelt und getestet wurde. Aber auch konkret am Menschen wurden Fortschritte erzielt, wie bei der Gentherapie der einjährigen Layla Richards in London, welche mit Hilfe von Spenderzellen vollständig von einer „unheilbaren“ aggressiven Leukämie geheilt werden konnte.

Auch politisch hat sich in 2015 einiges getan, was ich Anfang des Jahres nicht für möglich gehalten hätte. In den USA kandidiert Zoltan Istvan als Vertreter einer Transhumanistischen Partei für die Präsidentschaftswahlen, und propagiert dabei Lebensverlängerung und die Abschaffung des Todes. Zumindest für die Sichtbarkeit des Themas hat sich dadurch viel getan, in zahlreichen Ländern werden nun Parteien für Transhumanismus gegründet. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Situation weiter entwickelt und wieviel Fahrt die Bewegung aufnehmen kann.

Für 2016 wünsche ich mir, dass diese Entwicklung vor allem in den Bereichen Medizin und Lebensverlängerung mit großen Schritten weiter voran geht – und es ist absehbar, dass genau dieses eintreffen wird. Freuen wir uns gemeinsam auf die Zukunft!

Autor: Dirk Nemitz. Basierend auf einem Artikel von George Dvorsky in The Age. Die volle Liste mit insgesamt 18 Ereignissen gibt es im englischen Artikel: The most futuristic predictions that came true in 2015

The Guardian: Cool bleiben und weiter machen!

Auch die britische Zeitung „The Guardian“ schrieb vor wenigen Tagen über Kryonik unter dem Titel: „Dying is the last thing anyone wants to do – so keep cool and carry on

Immerhin 165 Leserkommentare folgten auf dem Fuße. Erst kürzlich veröffentlichte die New York Times eine bewegende Geschichte über eine junge Frau (s.u.), jetzt zieht der Guardian mit einer weiteren Berichterstattung nach. Ein gutes Zeichen, wenn vermehrt in etablierten Medien über Kryonik berichtet wird.

South China Morning Post: Chinesische Autorin kryokonserviert

Zwar verfügt Alcor bereits über Patienten aus China, doch Frau Du Hong ist die erste Person, deren Name an die Öffentlichkeit getragen wird, und die es in China in Nachrichten wie die South China Morning Post geschafft hat.

Professor Huang Wei kommentierte: „Chinesen waren immer interessiert in Körperkonservierung und Lebensverlängerung. Kryonik ist eine neue Option aus dem Westen, welche mit Sicherheit interessant ist für diejenigen, die es sich leisten können.“

Zwar begegnet die chinesische Wissenschaftsgemeinde dem Thema noch mit Skepsis, doch wäre viel gewonnen, wenn in einem riesigen Land wie China der Knoten platzen würde. Auch Max More von Alcor betont die Aufgeschlossenheit in China gegenüber der Kryonik, nicht zuletzt aufgrund fehlender religiöser Stolpersteine.

Max More beim DGAB-Symposium

Selbst Max More aus Arizona, President & Chief Executive Officer von Alcor, hat es sich nicht nehmen lassen, Teil unseres Symposiums im Oktober 2014 zu sein. In welchem Bereich könnte es wichtiger sein, eine beständige und solide Organisation zu haben als in der Kryonik? Das ist Max More natürlich mehr als bewusst. Wie man trotz dieser großen Aufgabe Erfolg haben kann, erfahrt ihr in unserem Video (Teil 1 von 2 Teilen).

DGAB Youtube-Kanal

Online-Veranstaltung zur Kryonik

Am morgigen Sonntag, den 1. Dezember, veranstalten die London Futurists ein Online-Panel über die Zukunft der Kryonik. Um 20:00 Uhr deutscher Zeit treffen aufeinander:

Die Live-Diskussion kann jeder auf Google+ oder YouTube verfolgen.

Update: Eine Aufzeichnung der Veranstaltung ist jetzt verfügbar.