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 Subject :Aussetzen der Hirnströme... 06.08.2012 – 22:54 Uhr 
Daniel

Guest

Ich habe letztens mit einem Neurologen über Kryonik diskutiert. Er meinte, nach dem Aussetzen der Hirnströme ist das Gehirn tot. Es könnten sich danach durchaus wieder Hirnströme ausbilden, allerdings wären die Erinnerungen dann weg. Das Gehirn ist also auf kontinuierliche Hirnströme angewiesen, deshalb sieht er die Kryonik auch skeptisch.

Gibt es möglicherweise Quellen, die zweifelsfrei das Gegenteil belegen? Ich habe als Gegenbeispiel den Fall von Anna Bågenholm angesprochen, also die Skifahrerinn, die fast eine Stunde im Eis überlebte und deren Körpertemperatur auf 14 Grad abfiel. Er meinte jedoch, man hätte bei ihr mit genauen Messverfahren sicher noch geringe Hirnströme feststellen können.

Wie seht ihr das?

Viele Grüße

Daniel

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 Subject :Re: Aussetzen der Hirnströme... 07.08.2012 – 09:58 Uhr 
Ρhіlір Ј. Frу

Hallo Daniel,
der Neurologe hat recht, was die heutigen technischen Möglichkeiten angeht. D.h. mit den einfachen heute zur Verfügung stehenden Möglichkeiten wird man einen solchen Menschen nicht wiederbeleben können (d.h. Wiederherstellung eines voll funktionsfähigen Gehirns bei einem hirntoten Menschen). Das bedeutet aber nicht, dass die im Gehirn gespeicherten Informationen irreversibel verloren sind.

Ich will das mal an einem elementaren Beispiel verdeutlichen: Wenn man eine Nervenzelle mit einem Skalpell durchtrennt, dann ist sie tot. D.h. sie funktioniert nicht mehr und sie ist mit den heute zur Verfügung stehenden Mitteln auch nicht mehr zum Leben zu erwecken. Allerdings beinhaltet sie nach wie vor fast sämtliche Informationen in Form ihrer Gestalt und der Moleküle aus denen sie besteht (zumindest solange sie sich noch nicht komplett zersetzt hat). Im Prinzip könnte man sie wieder zusammensetzen, die Defekte weitestgehend reparieren und ihre Funktion wiederherstellen.

D.h. für die Kryonik ist es irrelevant ob sich spontane Hirnströme ausbilden können oder nicht. Einzig entscheidend ist, wieviele Informationen noch rekonstruierbar sind.

Es gibt keine Beweise dafür, dass die zugrundeliegenden Informationen der Neuronen irreversibel zerstört wurden, wenn der Hirntod festgestellt wurde (d.h. dauerhaft keine Hirnströme mehr messbar sind). Wenn man sich die Neuronen direkt nach dem Eintritt des Hirntodes genau anschaut, stellt man fest, dass sie weitestgehend vollkommen normal aussehen. Erst im Laufe der folgenden Stunden in einer warmen Umgebung zersetzen sie sich mehr und mehr.

Schöne Grüße
Philip J. Fry

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 Subject :Re: Aussetzen der Hirnströme... 08.08.2012 – 00:00 Uhr 
Torsten Nahm

Hallo Daniel,

tatsächlich gibt der Neurologe hier nicht die wissenschaftliche Konsensmeinung wieder. Eine ähnliche Frage gab es schon in diesem Thread.

Hier ist meine Antwort, die ich dort gegeben hatte:

Wenn die aktuelle neuronale Aktivität (also Membranpotenziale und Neurotransmitter) zum Erliegen kommt, gehen nur kurzfristige Informationen verloren. Langzeitgedächtnis, Persönlichkeit etc. sind dagegen in der Struktur des Hirns kodiert und bleiben erhalten. Hier ist noch die Antwort aus dem Alcor Scientists' Cryonics FAQ:

Q: Can a brain stop working without losing information?
A: It is a well-established fact that long-term memories are encoded in durable physical and chemical changes.

“We know that secondary memory does not depend on continued activity of the nervous system, because the brain can be totally inactivated by cooling, by general anesthesia, by hypoxia, by ischemia, or by any method, and yet secondary memories that have been previously stored are still retained when the brain becomes active once again. Therefore, secondary memory must result from some actual alterations of the synapses, either physical or chemical.” — Page 658, Textbook of Medical Physiology by Arthur C. Guyton (W.B. Saunders Company, Philadelphia, 1986)

Loss of brain activity is not only survivable, but sometimes even beneficial for the prevention and treatment of ischemic injury. Further discussion and references can be found in the article Medical Time Travel.

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 Subject :Re: Aussetzen der Hirnströme... 10.05.2013 – 22:51 Uhr 
Wandersmann

Guest

...it also happens the contrary which open questions too: the memory with the personality of the person can go down and being partially or highly loss even during the live, when the person is still active and the brain can or could keep most of its activity. So, even the connections for long-term memory are supposed to be strong, the memory can be loss during the live, sometimes really deep loss.

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 Subject :Re: Aussetzen der Hirnströme... 12.05.2013 – 22:05 Uhr 
Torsten Nahm

Hello Wandersmann,

Yes, this is an important point as well (although quite a different consideration from the original topic of the thread). Indeed, loss of memory and personality through neurodegenerative diseases during life is one of the most tragic things that can happen to a cryonicists, since it is not clear if and how much of this damage can be reversed in the future. For more thoughts on this topic, I recommend the article "Thinking about brain threatening disorders and cryonics" by Aschwin de Wolf, Cryonics Magazine Jan/Feb 2012, p. 8-10 (available online).

Torsten

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