Kryonik – Krankentransport durch die Zeit E-mail
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Die häufigsten Fragen

Was ist Kryonik und wozu soll das gut sein?

Kryonik begreift sich als Rettungsmaßnahme für den Fall, dass die zeitgenössische Medizin einem Menschen nicht mehr helfen kann. Dazu wird der betreffende Körper bei sehr tiefen Temperaturen konserviert und gelagert. Kryonik soll dazu dienen, den Zustand des Menschen festzuhalten, um ihn anschließend durch die Zeit hindurch einer zukünftigen Medizin zu überbringen, in der er oder sie geheilt werden kann.

Werden die Körpergewebe beim Einfrieren nicht zerstört wie die von gefrorenen Lebensmitteln?

Für das Verletzen von Gewebe beim Einfrieren werden im Allgemeinen Eiskristalle verantwortlich gemacht. Bei der Kryonik wird Gewebe nicht eingefroren, sondern vitrifiziert. Hierzu werden die Körperflüssigkeiten des Menschen durch eine Lösung ausgetauscht, die bei tiefen Temperaturen zu einem nichtkristallinen Feststoff wird, zu einem Glas. Somit wird das Problem der zerstörerischen Eiskristalle vermieden.

Aber lässt sich dieses Glas auch wieder in eine Flüssigkeit überführen?

Ja. Beispielsweise haben Fahy et al. eine bei ca. −130 °C vitrifizierte Niere wieder aufgetaut und erfolgreich in das dazugehörige Kaninchen transplantiert, bei gleichzeitiger Entfernung der anderen Niere. Die eingesetzte Niere hat sich schnell erholt und dann eine normale Funktion gezeigt, bis sie am 48. Tag zur mikroskopischen Untersuchung wieder entnommen wurde.

Warum gibt es dann keine Berichte über Menschen, die aus diesem Zustand wieder erwacht sind?

Die gesamte Methodik ist derzeit daraufhin optimiert, das Gehirn zu erhalten. Die meisten anderen Körperteile werden bei der kryonischen Prozedur enorm geschädigt. Es gibt verschiedene Ansätze, um diese zu heilen oder zu ersetzen (etwa Tissue Engineering). Allesamt stecken sie jedoch noch in den Kinderschuhen. Glücklicherweise müssen diese Verfahren nicht schon zum Zeitpunkt der Konservierung ausgereift und einsatzbereit sein.

Wie kann man sicher sein, dass kryonikbedingte Schäden jemals geheilt werden können?

Dafür kann es keine Garantie geben. Die rasante Entwicklung von Medizin und Technik gibt jedoch Anlass zu vorsichtigem Optimismus.

Warum lassen manche nur ihr Gehirn konservieren, nicht aber den Rest ihres Körpers?

Manche Menschen nehmen an, dass das Gehirn ihre gesamte Persönlichkeit beherbergt, und dass der Rest irgendwie ersetzbar wäre.

Man spaziert also einfach in ein Kryonik-Institut und lässt sich konservieren?

Schon allein rechtlich bedingt dürfen derzeit nur Personen kryokonserviert werden, bei denen ein Arzt den Eintritt eines natürlichen Todes festgestellt hat. Um Gehirn und Körper möglichst zu schonen, wird dann so schnell wie möglich mit der Prozedur begonnen. Anschließend wird die Person in die USA transportiert, da die kryonische Lagerung von menschlichen Körpern in Deutschland derzeit nicht möglich ist. Letzteres hängt damit zusammen, dass kryonische Lagerung leider als Bestattungsart gilt, und Bestattungen wiederum Ländersache sind. Eine exakte juristische Prüfung des Sachverhalts in jedem einzelnen Bundesland steht noch aus.

Warum sollte man bei einem toten Körper diese Prozedur durchführen?

Die Grenze, ab der jemand für tot erklärt wird, verschiebt sich seit Anbeginn der modernen Medizin. Personen, bei denen heute das Herz aussetzt, werden reanimiert. Ebenso bedeutet ein Aussetzen des Gehirns keinesfalls, dass es keine Persönlichkeit mehr beherbergt. Kryonik will konservieren, bis eine Heilung möglich ist.

Führen nicht bereits wenige Minuten Sauerstoffmangel zu Hirnschäden?

Nach einigen Minuten Sauerstoffmangel wird ein Vorgang ausgelöst, der erst nach mehreren Stunden zum Absterben von Nervenzellen führt. Ist dieser Prozess einmal in Gang, lässt er sich nicht mit unserer zeitgenössischen Technik/Medizin aufhalten. Kryonik jedoch unterbricht diesen Prozess.

Wenn ein Körper klinisch tot ist, geht dann nicht die Seele verloren?

Die jüngsten Erfahrungen zeigen: Der Begriff „klinisch tot“ ist eigentlich irreführend. Zum Beispiel war Anna Bågenholm nach ihrem Sturz in einen zugefrorenen Fluss mehrere Stunden lang klinisch tot (ohne Herz- oder Gehirnaktivität). Heute ist sie so lebendig wie vor dem Unfall. Ob der Mensch so etwas wie eine Seele besitzt, wissen wir nicht. Wenn es eine unsterbliche (also auch zeitlose) Seele gibt, sollte es aber gleichgültig sein, ob ein Körper mehrere Stunden oder viele Jahre lang „klinisch tot“ ist. Auch leben heute zahlreiche Menschen, die Jahre vor ihrer Geburt als Embryonen kryokonserviert wurden.

Wenn ich den Tod als natürliches Phänomen akzeptiere, kann ich zwangsläufig nichts mit Kryonik anfangen, oder?

Das kommt ganz darauf an, ob diese Akzeptanz die Ablehnung von lebensrettenden Maßnahmen grundsätzlich einschließt. Kryonik versucht letztlich einen Krankentransport durch die Zeit.

Wendet man sich nicht gegen sein (eventuell durch eine höhere Macht) vorbestimmtes Schicksal, wenn man vor einer bis dato unheilbaren Krankheit gerettet wird?

Falls dem so ist, wendet man sich wohl auch gegen sein vorbestimmtes Schicksal, wenn man eine in Deutschland unheilbare Krankheit in den USA behandeln lässt. Oder wenn man eine jahrelange Dialyse in Anspruch nimmt, weil es bis dato kein verfügbares Spenderorgan gibt. Kaum jemand lehnt jedoch diese Optionen ab.

Das alles ist doch aber nur graue Theorie, oder?

Nein. Es befinden sich etwa 200 Menschen in Kryostase, davon etwa jeweils 100 bei der Alcor Life Extension Foundation in Arizona und im Cryonics Institute in Michigan (USA). Der erste kryonisch versorgte Mensch war Prof. Dr. James Bedford in 1967. Er ruht nun bei Alcor.

Ist Kryonik nicht nur Geldmacherei?

Das ist ausgeschlossen, denn die beiden großen Kryonik-Anbieter (Alcor und Cryonics Institute) dürfen aufgrund ihrer Gesellschaftsform überhaupt keinen Profit erwirtschaften. Auch dürfen die Angestellten von Non-Profit-Organisationen kein übermäßig hohes Einkommen haben.

Ist das alles nicht furchtbar egoistisch?

Sind Rettungsdienste egoistisch? Nein. Sind Menschen egoistisch, weil sie gerettet werden wollen? Ja, falls sie diese Möglichkeit anderen Menschen vorenthalten wollen. Dies ist bei Kryonikern normalerweise nicht der Fall.

Bevorzugt Kryonik nicht das bestehende Leben vor dem ungeborenen Leben?

Nein. Kältetechniken kommen dem ungeborenen Leben ebenso zugute. Statt überzählige Embryos abzutöten, können sie kryokonserviert werden.

Trägt Kryonik nicht zur Überbevölkerung bei?

Trägt ein Rettungsdienst zur Überbevölkerung bei? Diese Frage ist offenbar zynisch. Dennoch: Untersuchungen zeigen, dass uns eine höhere Lebenserwartung nur vor moderate Probleme stellt.

Und was, wenn bei der Lagerung der Strom ausfällt?

Kryonik-Patienten lagern nicht im Kühlschrank, sondern im Dewargefäß oder im Kryostaten. Es wird nur flüssiger Stickstoff benötigt. Dieser ist billig und muss nur alle paar Wochen nachgefüllt werden.

Würde ein Körper in flüssigem Stickstoff nicht über die Jahrhunderte verwesen?

Nein, denn es lässt sich ausrechnen (Arrhenius-Gleichung), dass ein beliebiger chemischer Prozess, der bei Zimmertemperatur eine Sekunde benötigt, in flüssigem Stickstoff (−195,79 °C) ca. 25 Millionen Jahre benötigt.

Warum sollten mich Menschen in der Zukunft heilen?

Weil Kryoniker auch in der Zukunft ein funktionierendes Notfallsystem, also eine funktionierende Kryonik haben wollen. Sich nicht um bisherige Patienten zu kümmern wäre dafür höchst kontraproduktiv, denn es würde ihre Glaubwürdigkeit kompromittieren.

Gibt es denn Mediziner unter den Kryonikern?

Ja, unter den Kryonikern sind Mediziner und andere Akademiker.

Was wenn die Menschen in der Zukunft mit viel wichtigeren Problemen zu kämpfen haben, als Patienten zu heilen, die sich in Kryostase befinden?

Man würde einfach weiterhin alle paar Wochen etwas Stickstoff nachfüllen. Die Patienten haben sehr viel Zeit, bis die für ihre Heilung nötigen Ressourcen bereitstehen.

Wenn das alles so toll ist, warum entscheidet sich dann fast niemand dafür?

Einen Menschen aufzugeben, wenn die zeitgenössische Medizin nichts mehr für ihn oder sie tun kann, hat eine lange Tradition. Mit dieser Tradition zu brechen fällt den allermeisten Menschen schwer.

Ist das nicht alles unbezahlbar?

Üblicherweise wird Kryonik über eine Risikolebensversicherung finanziert. Größenordnung: 10 bis 30 € pro Monat. Hinzu kommen bis zu 30 € für Mitgliedsbeiträge.

Und wer würde die eventuelle Heilung in der Zukunft bezahlen?

Üblicherweise wird ein Teil der Gebühren einer kryonischen Behandlung für diesen Zweck angelegt.

Wie würde ich mit den möglicherweise drastischen Veränderungen der Umwelt (Technisierung, Sozialstrukturen) einer entfernten Zukunft zurechtkommen?

Man würde wohl zunächst entsprechende Rehabilitationsmaßnahmen durchlaufen, in denen man sich nach und nach mit den Veränderungen vertraut machen kann.

Angenommen, es käme dazu, dass ich Jahrhunderte später erwache. Dann kenne ich doch niemanden, oder?

Je mehr Menschen sich für Kryonik entscheiden, desto mehr Menschen werden sich potentiell in der Zukunft wieder treffen. Ein Ziel sollte sein, das soziale Umfeld des Menschen so gut es geht zu berücksichtigen. Beispielsweise würde man jemanden länger in Kryostase belassen, bis auch sein oder ihr engeres Umfeld (Familie, Freunde, Vereinskollegen, usw.) geheilt werden kann.

Welcher gemeinnützige Verein fördert Kryonik? Wo kann ich mich darüber austauschen?

Die „Deutsche Gesellschaft für Angewandte Biostase e.V“ (DGAB) ist eine Gemeinschaft von Menschen, die sich für Kryonik interessieren. Obwohl ihre Mitglieder überwiegend aus dem akademischen Umfeld stammen, steht sie allen Bevölkerungsgruppen offen. Die DGAB fördert Forschungsprojekte, veranstaltet Symposien, unterhält eine Website inklusive Diskussionsforen und vieles mehr. Wir freuen uns auf Ihren Besuch!

www.biostase.de